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Deflation bedeutet einen anhaltenden Rückgang des Preisniveaus für Güter und Dienstleistungen. Wenn Unternehmen und Konsumenten ihre Portemonnaies zunageln, weil es morgen noch billiger wird, ist das Tor für Wirtschaftskrisen und soziale Probleme weit geöffnet.

Nein, mit dieser schlimmsten aller Konjunkturgefahren haben wir es zurzeit nicht zu tun. Doch sind Politiker immer gut beraten, Deflation frühzeitig zu bekämpfen. Denn ist sie erst einmal da, klebt sie wie Kaugummi am Schuh. Leider vernachlässigt die aktuelle Politik diese Prävention sträflich.

Trump – Demolition Man der Weltwirtschaft

Trumps Handelskriege und Drohungen sind ökonomische Massenvernichtungswaffen: Mit seiner unverhohlenen Sympathie für einen ungeordneten Brexit will er die EU handlungsunfähig machen.  Europäische Unternehmen werden sanktioniert, wenn sie nicht Trump-genehm investieren. Ohnehin, nicht in den USA gebaute deutsche Autos sind für ihn Pickel, die ausgedrückt werden müssen. Und bei China holt er den ganz großen Vorschlaghammer heraus.

Da die EU und China aufgrund ihrer Exportabhängigkeit mehr leiden als die USA, glaubt Trump, dass sie sich letztlich Gewalt beugen. Doch schon aus Gründen der Selbstachtung kann Peking – das sicher handelspolitischen Dreck am Stecken hat – nicht nach der Wirtschafts-Pfeife der USA tanzen.

Da Trump die hohe diplomatische Kunst fehlt und er China keine ehrenhaften Freiräume für Eingeständnisse gewährt, hat er sich selbst in eine Sackgasse begeben. Wenn er vor allem im anstehenden, vermutlich schmutzigsten US-Präsidentschaftswahlkampf aller Zeiten zur eigenen Gesichtswahrung all seine Handelsdrohungen umsetzt, wird die Weltwirtschaftsleistung 2020 laut Internationalem Währungsfonds um mindestens eine halbe Billion US-Dollar dezimiert. In der nächsten Quartalsberichterstattung werden verstärkte Gewinnwarnungen von US-Unternehmen beweisen, dass auch Amerika keine Wachstumsinsel ist. Läuft im Extremfall die Wirtschaftswelt auf die Zweiteilung in eine US-dominierte und chinesisch beherrschte Hemisphäre zu, würden die seit 1989 langwierig aufgebauten, hocheffizienten globalen Produktions-, Liefer- und Absatzketten reißen.

Da Europa nur mit Moral gewinnen will, hat es wirtschaftspolitisch schon verloren

Doch auch die EU glänzt nicht durch anti-deflationäre Wirtschaftspolitik. So betreibt z.B. Italien unverhohlen europäische Wehrkraftzersetzung. Und statt innovativer Wirtschaftspolitik scheint Brüssel bestrebt zu sein, aus Europa ein kollektives Industriemuseum zu machen. Und Deutschland? Die Stimmung in der GroKo ist so schlecht, dass jede Beerdigung im Rheinland lustiger ist. Wenn insofern selbst Deutschland keine heißen Reform-Eisen mehr anpackt, wird Europa langsam, aber sicher zu einem kollektiven Industriemuseum.

Lieber überbietet man sich mit Moralpredigten an Orten, wo einem der Applaus sicher ist. Mit populistischen Themen wie Mietpreisdeckeln und Enteignungen glaubt man allen Ernstes mehr Wohnraum zu schaffen. Damit werden Privatinvestoren aus Berlin vertrieben wie Unkraut durch Glyphosat. Welche sozialistischen Gemeinheiten drohen noch? Und dem Klimaschutz läuft man hinterher, ohne darüber nachzudenken, wie man ihn mit der Ökonomie versöhnen kann. Was machen wir eigentlich, wenn aufgrund von Umweltauflagen die Produktion aus Deutschland ins Ausland und die Arbeitsplätze gleich mit verlagert werden?

Wo bleiben die industriellen Alternativen und Infrastruktur- bzw. Digitalisierungsoffensiven, um die wirtschaftliche Zukunft zu gewinnen? Mit Verlaub, der Zerfall des deutschen Wirtschaftsstandorts lässt sich auch daran ablesen, dass die Bundesverteidigungsministerin mehr Kinder als einsatzfähige Flugzeuge hat.

Diese weltwirtschaftspolitische Verunsicherung verschreckt Unternehmen wie Plastik-Raben die Tauben. Die deutsche Industrie steckt laut dem ifo Institut bereits in der Rezession. Aber auch weltweit zieht es die Frühindikatoren deutlich nach unten.

Gemäß Preiserwartungen nähern wir uns tatsächlich einem Desinflationsszenario.

Welche konjunkturellen Lustgewinne versprechen die neuen geldpolitischen Freuden?

Panisch stellen sich die Notenbanker auf einen Weltwirtschaftsabschwung ein. Sie müssen sozusagen als Anti-Trump auftreten. Die Fed wird in diesem Jahr noch die Zinsen senken. Und da sich Peking als Vergeltung für amerikanische Sanktionen massiv von US-Staatspapieren trennt, ist auch seitens der Liquiditätspolitik noch nicht aller Tage Abend.

Obwohl die EZB ihren Krisenmodus seit 2009 nie aufgegeben hat, denkt sie über weitere geldpolitische Lockerungen nach, auch um den Euro zur „Freude“ Trumps möglichst exportfreundlich zu halten. Mit der zuletzt gezeigten Vehemenz von Notenbankchef Drahi ist das keine Option mehr, sondern ein Versprechen. Obwohl die Leitzinsen bereits auf null stehen, ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Ein noch tieferer Einlagenzinssatz für Banken – aktuell minus 0,4 – würde aber die ohnehin schwache Profitabilität der Euro-Banken zusätzlich belasten.

Der Kapitalmarkt setzt auf die Wiederaufnahme des Anleihenaufprogramms. Tatsächlich befinden sich die Renditen von Staatsanleihen im heftigen Sinkflug. In Europa liegen sie mehrheitlich auf neuen historischen Tiefständen.

Aber wirkt das noch billigere Geld wirklich konjunkturstützend bzw. deflationsbekämpfend? Doch was nutzt privaten Investoren fast geschenktes Geld, wenn kaum (wirtschafts-)politische Planungssicherheit gegeben ist und damit die Renditeaussichten der Investitionen nebulös sind. Niemand baut ein Haus auf sandigem Untergrund.

Zur Wirtschaftsförderung bleiben dann nur noch stattliche Ausgaben, also Schulden. Ich bin mir sicher, dass das Deflationsgespenst als bedeutendes Alibi verwendet wird, die europäischen Schuldenkriterien vielleicht ganz zu schleifen. Es ist zu hoffen, dass dann neue Staatsschulden auch der Infrastruktur und Wettbewerbsverbesserung zugutekommen.

Insgesamt haben die Börsen ein Déjà-vu. Die Liquiditätshausse ist wieder da. Der zinsseitige Anlagenotstand sorgt für inflationäre, nicht deflationäre Aktienmärkte. In diesem Zusammenhang ist auch gegen Gold nichts einzuwenden.

Liebe Anlegerinnen und Anleger, grämen wir uns nicht über die Politik. Setzen wir auf Sachkapital.

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128.

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